Dr. Charlotte Michel-Biegel schreibt über die Rolle der Großeltern und die Erfahrungen der jungen Leute.
„Ich habe meine Großeltern nie kennengelernt“
„Ich habe keine Großeltern“
„Meine Großeltern sind schon lange tot“
„Zu meinen Großeltern haben wir nie Kontakt gehabt“
„Ich weiß nicht, wo meine Großeltern leben“
So oder ähnlich hört es sich bei einigen jungen Leuten an, wenn sie über ihre Großeltern reden. Sind Großeltern überhaupt notwendig? Muss man sie kennen, oder Kontakt haben? Sind sie wichtig für die kindliche Entwicklung oder für das Wohlbefinden?
Erst einmal macht es einen Unterschied, WARUM Großeltern fehlen.
Waren sie bei der Geburt bereits verstorben?
Sterben sie im Laufe der Kindheit?
Leben sie an einem weit entfernten Ort?
Werden sie bewusst ausgegrenzt? Etwa bei Trennung der Eltern?
Oder grenzen sie sich selbst aus, z.B., weil sie mit der Lebensgestaltung ihrer Kinder nicht zurechtkommen, oder diese sich getrennt haben? Nach Schätzung der Bundesinitiative Großeltern in Euskirchen, BIGE brechen bei jedem 5. Scheidungsfall die Kontakte zwischen Kindern und ihren Großeltern ab.
Für viele Kinder ist das -neben den bekannten Scheidungsfolgeerscheinungen- ein zusätzlicher Verlust, welcher zugegebenermaßen nicht sofort erkennbar ist, aber doch einschneidend für die Kinder. Denn viele hatten bis zur Trennung der Eltern ein gutes Verhältnis zu Oma und Opa. Und auch in der Zeit elterlicher Streitigkeiten waren diese oft ein Hort, wo mich einfach jemand in den Arm nimmt, ohne zu fragen, jemand liebt mich ohne Vorbehalt und ohne mich zu erziehen. Ohne Konsequenzen hören mir Oma oder Opa einfach zu. Oft haben die Großeltern die Kinder gern und mit viel Liebe betreut, ohne lang darum gebeten zu werden, ohne bezahlt zu werden, ohne pädagogisches Konzept, sie waren einfach nur da, und waren doch verantwortungsvoll.
Abgesehen von den Gefühlen sind es durchaus auch wichtige Funktionen im System „Kindheit“, welche für Kinder langfristig von Bedeutung sind:
Großeltern bieten Stabilität im Familiensystem, sind bei Familienfeiern zugegen oder laden dazu ein. Sie tragen bei zur Identität des Kindes – Fragen, die immer wieder gestellt werden: wer bin ich, wo komme ich her? Der Aktionsradius der Kinder ist größer, ein weiterer Ort, an dem ich „zuhause“ bin. Die großelterliche Wohnung sieht anders aus, das Essen schmeckt anders. Die Kinder lernen oft „andere Welten“ kennen, andere Hobbies, Freunde der Großeltern, manchmal eine andere Sprache, ein anderer Dialekt. Großeltern können mit ihrer eigenen Geschichte eine Verbindung schaffen in die Vergangenheit, Kinder gewinnen Informationen aus erster Hand und Wissen über die Vergangenheit, wie sie nicht in Geschichtsbüchern steht. Die Kinder machen ganz eigene Erfahrungen mit älteren Menschen, mit Krankheiten, mit Tod, mit der Vergänglichkeit.
Zugegebenermaßen sind die Großeltern nicht zwangsläufig lieb oder verkörpern nicht das, was Eltern gerne hätten. Aber muss man diesen Anspruch haben? Mit der richtigen Haltung ist es bereichernd. Eltern kann man sich nicht aussuchen – warum soll man Großeltern aussuchen dürfen? Oder Schwiegereltern? Die schon, meinen oft Trennungseltern und unterbinden den Kontakt zu den jeweils anderen Großeltern. Oft waren „die noch nie nett zu mir“, waren „gegen die Heirat“, konnten mit „meinem Kind noch nie etwas anfangen“, etc. Egal, wie es vorher war. Wenn die Kinder Kontakt mit den Großeltern hatten, ist es für sie ein Verlust, nach der elterlichen Trennung auch noch die Großeltern zu verlieren. Abgesehen von diesem Verlust werden später oft die Langzeitwirkungen deutlich: Kinder getrennter Eltern erinnern sich an andere Zeiten und fragen sich irgendwann, warum Mutter oder Vater plötzlich schlecht über die Großeltern sprechen, just zu dem Zeitpunkt, als sie sich trennten. Kinder gehen auf Distanz zu den eigenen Eltern und üben Kritik: lügen sie oder übertreiben sie? Oft beeinflusst das ihr eigenes Familienbild, sie werden misstrauisch.
Eine besondere Herausforderung gibt es in Patchworkfamilien. Hat hier jeder eine Oma und einen Opa? Beachten Großeltern nur ihr eigenes Enkelkind? Oder gelingt es, wie bei Jonas, der aus einer Patchworkfamilie kommt und erzählt: „Ich hatte keine Oma, aber wenn Oma und Opa meiner Stiefschwestern gekommen sind, haben sie uns alle mit gleicher Aufmerksamkeit bedacht und jeder hat die gleichen Geschenke bekommen. Eva hat das nicht immer gepasst. Aber letztendlich waren wir Alle glücklich.“ Jonas ist 41. Kinder merken sich das!
In familienrechtlichen Verfahren werden Großeltern und ihre Rolle leider meistens gar nicht thematisiert. Obwohl auch sie ausdrücklich im BGB erwähnt sind: „Großeltern und Geschwister haben ein Recht auf Umgang mit dem Kind, wenn dieser dem Wohl des Kindes dient“ §1685 BGB. Aber welche Großeltern wollen schon ihr Recht hier einklagen, und wie wollen sie beweisen, dass dies dem Wohl des Kindes dient? Trotzdem gibt es für die Verfahrensbeteiligten hier Möglichkeiten: Jugendamt und Verfahrensbeistand könnten zumindest den Gedanken fassen, die Großeltern als Ressource zu sehen. Der Verfahrensbeistand ist in der Regel beauftragt, „an einer gütlichen Einigung mitzuwirken“, er/sie kann hierzu auch mit den Großeltern reden. Bei Gericht kann die Rolle der Großeltern bei den Streitigkeiten mit einbezogen werden: welchen Einfluss haben sie auf Kinder und Enkel, gießen sie etwa Öl ins Feuer oder können sie stabilisierend wirken? Bei Umgangsbegleitungen könnte man z.B. auch die Großeltern mit einbeziehen.
Wenn Großeltern tatsächlich fehlen, dann fehlen sie weniger, wenn
- Verbindungspersonen präsent sind
- Eltern, Freunde, Verwandte grundsätzlich positiv über sie reden
- die Kinder „Andenken“ haben über eventuelle Ähnlichkeiten gesprochen wird
- die Kinder über ihre Herkunft und Vergangenheit wissen
Zur Beruhigung: Die meisten Kinder und Jugendlichen haben -im Gegensatz zu anfangs erwähnten Aussagen- ein gutes Verhältnis zu ihren Großeltern und reden positiv über sie. Eine Trennung der Eltern sollte das nicht ändern.
Dr. Charlotte Michel-Biegel
Erziehungswissenschaftlerin, promov. Pädag. Psychologie
Gutachterin, Verfahrensbeiständin bei Familiengerichten
Buch: Wenn die Luft brennt – Kinder im Trennungskrieg, Kern-Verlag
